Ergebnisse Zeit-Fragen Befragte Josef Sayer

Zeit-Fragen

Prof. Josef Sayer

Hauptgeschäftsführer, Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR


Zeit ist ein ganz zentraler, entscheidender Faktor für die Entwicklungszusammenarbeit. Denn der Mensch ist ein relationales Wesen, Zeit und Raum sind Grundkategorien seiner Existenz. Wenn wir Zeit als soziale und kulturelle Komponente nicht in Rechnung stellen, erreichen wir vielleicht (Projekt-)Ziele, aber nicht die Menschen. Unser Handeln wird nicht nachhaltig sein.
Natürlich kann ein Entwicklungshelfer Analysen erstellen. Aber das sind dann seine, europäischen Ananlysen. Wenn Ownership ernst genommen wird, muss schon die Analyse der Situation, der Ressourcen gemeinsam erfolgen. Und das braucht Zeit. Es erfordert, sich auf die Zeit der Armen einzulassen.

In meiner Zeit in Peru habe ich erlebt, dass wir mit unseren westlichen Methoden gar nicht die Zeit messen, die für die Menschen Bedeutung hat. Die Menschen dort haben eine zyklische Wahrnehmung der Zeit, geprägt von wiederkehrenden Ereignissen, Festen, der Aussaat, der Sonne usw. Ich kam damals aus dem Universitätsbetrieb in eine ländliche Gegend. Aus meinen Erfahrungen dort stammen die folgenden Beobachtungen.

Wir waren ohne Auto unterwegs: bewusst, um nicht der westlichen Beschleunigung zu verfallen: in ein Dorf fahren, Gespräche führen, weiter fahren zum nächsten Termin. Das wäre „effizient“ gewesen. Wir aber gingen zu Fuß. Das dauerte. Aber es passte unser Zeiterleben dem der Menschen an. Wir haben uns ganz bewusst dem lokalen Rhythmus angepasst.

Dennoch merkte ich, es ist gar nicht so einfach, sich anzupassen, auch was das Thema Zeit angeht: nicht nur ich beobachte, auch ich werde beobachtet. Wann schöpft man gegenseitig Vertrauen? Dazu braucht es langfristiges Miteinander. Nach zwei Jahren haben mir die Leute ihre Träume erzählt, ihre Mythen. Meine Situation war günstig: Ich hatte Zeit, auf sie einzugehen. Die gegenseitige Wertschätzung und das Vertrauen, das entstand, machten Entwicklung möglich.

Ich fragte die Leute: Wie alt sind Sie denn? Sie antworteten: ich wurde geboren, da stand der Baum noch nicht, aber die Kirche war schon da, und als Kind habe ich mit dem und dem gespielt.

Wenn der Entwicklungshelfer in der Stadt lebt, muss sich die Dorfgemeinschaft auf ihn einstellen: Er kann nicht vor 9 Uhr vormittags im Dorf sein. Die Versammlungszeit im Dorf ist aber schon um 6 Uhr. Das bekommt der Entwicklungshelfer aus der Stadt gar nicht mit. Man muss im Dorf leben, um das wissen. Im Slum ist die Versammlungszeit dagegen in der Regel abends um 9 Uhr, möglicherweise geht es bis 12 Uhr oder 1 oder 3 Uhr morgens. Wo auch immer ich bin: Ich muss mich in jedem Fall auf den zeitlichen Rhythmus dort einstellen. Das heißt: Ich gehe zu ihren Versammlungen und nicht: sie kommen zu meinen.

Ein Projekt „durchziehen“ ist nicht nachhaltig: Die Dinge müssen gemeinsam geplant werden. Ein gutes Beispiel ist ein Trinkwasserprojekt, das möglich wurde, weil ich mich auf Zeitvorstellung der Gemeinde einliess: mit den Menschen aufs Feld ging statt eine Messe zum festen Termin anzubieten. Dann sagten sie irgendwann zu mir: Pater Situ, wir brauchen eine Messe. Das war nicht am Sonntag, wie vielleicht „vorgeschrieben“. Aber es war zu dem Zeitpunkt, als sie eine brauchten, also zu „ihrer“ Zeit.

Ähnlich war es dann beim Thema Wasser: Gemeindemitglieder kamen auf mich zu: Wir machten Besinnungstage von 9 bis 5 Uhr, die Feldarbeit wurde ausgesetzt. Wir überlegten gemeinsam: Was ist unsere Situation, was sind unsere Kräfte? Wir lasen die Verfassung zu Wasserrechten, die Bibelstelle „Moses in der Wüste“. Die Schlussfolgerung war: Wir müssen etwas tun, wir können es hinkriegen. Gemeinsam mit einem Wasserbauingenieur von der GTZ gelang dann das Projekt, die Wasserversorgung für das Dorf konnte sichergestellt werden. Aber das Erfolgsgeheimnis war, dass das Dorf sich Zeit genommen hatte, seine Bedürfnisse festzustellen und gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten. In diesem Prozess lernten die Menschen, sich zu organisieren. Diese Strukturbildung dauerte vier Jahre.

Als ich weg war, haben die Dorfbewohner ein Elektrifizierungsprojekt nach dem gleichen Muster selbst durchgezogen. Weil sie es einmal selbst gemacht hatten, wußten sie, wie es geht. Später haben sie sogar einen Telefonanschluß organisiert, nachdem jemand an Darmverschluß gestorben war, und es nicht möglich gewesen war, Hilfe zu organisieren.

Im nächsten Schritt berichteten die Bewohner anderen Gemeinden, wie sie’s gemacht hatten. Diese Organisationserfahrung und die Weitergabe des Erlernten war aufgrund der langen Zeitspanne möglich. Mit einem Projekt(zeit)plan von außen wäre sie nie möglich gewesen.

Was passierte, war eine Umgestaltung des Sozialen: Das Ergebnis war nicht nur Trinkwasser, sondern das Erlernen von Selbstorganisation, das Bewußtsein, ein Recht auf Wasser zu haben. Gleichzeitig die friedliche Einigung mit dem Nachbarort. Im gesamten Prozess wurden auch Alten und Witwen berücksichtigt. Für all das braucht es Zeit.

Wir brauchen ein Bewusstsein, das Entscheidungsprozesse Zeit brauchen. Wir brauchen mehr Zeit, können unsere Zeit-Konzepte nicht überstülpen über Menschen in ländlichen Räumen oder Slums.

Leben und Tod: Wir stellten Geburtsurkunden aus, damit Menschen existieren konnten und Kontrollen überstehen – „künstliche“ Zeit, geronnen in Dokumenten. Sterben vor der Zeit: Wenn Kinder wegen fehlender Gesundheitsversorgung vor der Zeit sterben, können sie das, was die Gemeinschaft ihnen gegeben hat, nicht zurückgeben.

Ich kann nicht sagen: Zeit mal die Ressource x = Armutsbekämpfung. Beispiel Hasen: Ein Entwicklungshelfer hatte Hasenzüchtung vorgeschlagen. Als ich die Dorfbewohner fragte, warum macht ihr das nicht, sagten sie: der eine hat’s gemacht, aber seit sich die Hasen vermehren, bekommt seine Frau keine Kinder mehr. Er hat den Neid der Götter erregt. Hier steht Logik gegen Logik.

Wir haben auch Kolonialgeschichte aufgearbeitet, Geschichten erzählt: Dabei ist dann z.B. deutlich geworden: Der Hacienda-Besitzer hat uns eigentlich ausgebeutet, er war gar nicht so ein guter Mensch, auch wenn er gelegentlich „großzügig“ zu Festen einlud. Auch dieses Geschichte(n)-Erzählen und die damit verbundenen Reflektionsprozesse brauchen Zeit.

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