Christiane Grefe über Zeit und Entwicklung: Aus Prozessen wird Punktuelles und Situatives


Konferenz "Zeit-Zonen"

Aus Prozessen wird
Punktuelles und Situatives


Christiane Grefe (DIE ZEIT) über die gesteigerte Geschwindigkeit der Medienproduktion und deren Gefahr für eine kompetente Politik mit langem Atem


In Ihren Einladungen stand, dass für den kurzen Einwurf an dieser Stelle unser ZEIT-Chefreporter Gunter Hofmann vorgesehen sei - der aber nun unerwartet in den USA weilt und sich entschuldigt.

Nicht zuletzt weil der hoch geschätzte Kollege mir einige Notizen hinterlassen hat und ich ihn auf diese Weise wenigstens metaphysisch mit seinen Gedanken unter uns weiß, möchte ich die angekündigte Frage nach dem Zeitfaktor in der bundesdeutschen Reformdebatte aus der von ihm vorgeschlagenen Perspektive beleuchten - und Ihren Blick richten auf das Spannungsfeld zwischen Medien und Politik, respektive Medien und Reformpolitik.

Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit

Gewiss spielen ganz andere Faktoren eine noch bedeutendere Rolle bei der Halbherzigkeit und dem teils wiederholten Scheitern von Reformprozessen - ich nenne nur einzelne Stichworte wie den Lobbyismus, die mangelhafte Organisation von Beratung, das Misstrauen der Bevölkerung, dass Reformen tatsächlich nur Sparprogramme seien ohne zukunftsweisende Dimensionen. Die häufig fehlende Neugierde und den fehlenden Mut in den Medien, aber auch bei gesellschaftlichen Akteuren und Politikern, was Lösungs-Alternativen betrifft. Dann, äußerst wichtig: die Konfliktscheu vieler Politiker gegenüber einer angeblich nicht belastbaren Wählerschaft ebenso wie gegenüber Interessengruppen - und nicht zuletzt die allzu lange anhaltende kollektive Verdrängung von Problemen wie der Globalisierung, schrumpfendem Steueraufkommen, demographischem Wandel.

Vor allem Letzteres, dieses Sich-Drücken vor möglicherweise unangenehmen Konsequenzen aus unabwendbaren Entwicklungen, lässt sich dann auch schon in zeitlichen Dimensionen beschreiben: 16 Jahre Kohl wurden ja regelrecht zur Metapher dafür und das Aufschieben und zähflüssige Sich-Hinziehen von Reformprozessen auf vielen Politikfeldern ist nichts anderes als geronnene Verdrängung.

Doch das Verhältnis von Medien und Politik, kürzer: das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren der Öffentlichkeit trägt zum Wirksamwerden der genannten Faktoren, also zum Gelingen oder Scheitern von Reformprozessen eine Menge bei. Und dieses Verhältnis ist vielleicht mehr als alle anderen Bezüge geprägt von dem, was Alexander Kluge unübertroffen formuliert hat als "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit". Wobei diese Gegenwart auch noch zu immer kleineren Zeiteinheiten schrumpft.

Viele Medien sind immer kurzatmiger

Unter Radio- und Fernsehkollegen kursiert er schon lange, der Spruch: Und bist du noch so fleißig, du kriegst doch nur einsdreißig. Neu ist sie also nicht, die erste These, vielleicht besser, die erste Geschwindigkeitsstufe - aber immer noch richtig und brisanter denn je: Dass viele Medien immer kurzatmiger werden.

Gleich nach der Wende habe ich mal für ein paar Jahre bei der Wochenpost gearbeitet, einer DDR-Wochenzeitung, deren Redaktion dann aus Ost- und West-Redakteuren gemischt war. Ich erinnere mich, wie der Chefredakteur, ich glaube, es war 1991, etwa drei Wochen vor der Berlinale die ostdeutschen Kulturkollegen fragte, was sie denn zu diesem Anlass vorhätten, ins Blatt zu heben. Und an das Staunen in ihren Gesichtern: Naja, erst mal wollten sie die Berlinale besuchen, sich möglichst viele Filme anschauen, mit möglichst vielen Menschen reden, anschließend gründlich über das Gesehen und Erlebte nachdenken - um irgendwann, vielleicht nach drei, vier Wochen, ein schön erzähltes und gut durchdachtes umfassendes Resümee zu veröffentlichen, Konsequenzen und Perspektiven zu analysieren und diese auch in zukünftigen Texten weiter zu reflektieren. Wir West-Kollegen waren irritiert. Sind wir es doch gewohnt, schon lange vor einem solchen Ereignis genau zu wissen, was wichtig werden wird, und möglichst vor allen anderen bereits alles, was kommen wird, längst kommentiert zu haben. Und zur Berlinale selbst gibt es dann nur noch Film-Hitlisten, Personalien und schnelle Pointen.

Nun mag es manche geben, die behaupten, die ehemalige DDR wäre an ebendieser Langsamkeit schließlich zugrunde gegangen. Am fehlenden Tempo! Neben unserer professionellen Fassungslosigkeit fühlten wir West-Journalisten uns aber damals am Ende doch eher in umgekehrter Richtung in Frage gestellt, und viele der fundierten und beinahe literarisch geschriebenen alten Wochenpost-Texte sprachen für diese Selbst-Kritik: Waren die ostdeutschen Kollegen nicht im Grunde überzeugender mit ihrer Gründlichkeit? Und wir unter unserem hektischem Originalitätszwang, der das eigentliche Ereignis zur Staffage macht, manchmal ganz schön oberflächlich?

Zugleich geht aber auch in der politischen Berichterstattung ohne eilige Ereignisorientierung kaum noch was. Dabei ist es so lange auch im Westen noch nicht her, dass man nicht nur skandalorientiert und häppchenweise berichtete, sondern kontinuierlich über lange Zeiträume. Große politische Projekte wurden angekündigt, in der Sache von allen Seiten inspiziert, die kontroversen Standpunkte ausführlich gespiegelt und dann Schlussfolgerungen gezogen. Man hat die öffentliche politische Debatte auch über lange Zeiträume und mit viel Platz begleitet. Einen Prozess abgebildet, das, was über die Zeit geschieht. Gewiss auch nicht in allen Medien, aber doch in einigen und tendenziell häufiger.

Aus Prozessen wird Punktuelles und Situatives

Heute konzentriert sich alles auf Events. Die Hochzeit im britischen Könighaus ist dann wichtiger als beispielsweise Tony Blairs G8-Initiative für Solare Energieversorgung in der Dritten Welt als Teil einer langfristigen globalen Strategie; eine Initiative schon vor Jahren, die ja auch prompt erst mal wieder im Sande verlaufen ist, ohne dass irgendwer groß etwas gemerkt hätte; ich bin gespannt, wie es seinem neuen Vorstoß ergeht.

Oder: die orangene Revolution auf dem Markt von Kiew scheint wie vom Himmel gefallen, weil kaum einer vorher darüber berichtet hat, was sich in der Ukraine zusammenbraut hat - sind die Demonstrationen vorbei, gerät die Region wieder aus dem Blick. Das große Morden und Sterben in Dafur wird erst ein Thema, wenn es eine internationale Intervention geben könnte. Der Tsunami mobilisiert plötzlich das Eine Welt-Gefühl, das die Vereinten Nationen mit ihren Millennium-Goals bis zum "Event" des Überprüfungsgipfels vergeblich zu erzeugen suchten - aber wie lange hält diese empathische Regung und Geberbereitschaft wohl an? Aus Prozessen wird Punktuelles und Situatives.

Dahinter steht eine Große Koalition aus Medienmachern und Medienkonsumenten. Und, man mag es kaum sagen, weil es ebenso banal wie verschwörungstheoretisch klingt: die Geschwindigkeit des Marktes, des Meinungs- und Unterhaltungsmarktes in diesem Fall. Seit auch die elektronischen Medien privatisiert sind, geben Werbeästhetik und -rahmen den Rhythmus vor - kommt es immer mehr auf Unterhaltung an, auf Personalisierung, Dramatisierung und vor allem darauf, bei allem Erster zu sein.

Letztere Geschwindigkeitskonkurrenz geht so weit, dass sogar der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Fritz Pleitgen, vor Jahren einmal öffentlich seine Sorge artikuliert hat, er könne die Authentizität der in manchen Nachrichtensendungen gezeigten Bilder nicht immer garantieren. Bilderangebote freier Kameraleute sind fast gleichzeitig mit dem Ereignis im Angebot, je spektakulärer, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass alle anderen diese Bilder senden, also sendet man - öfter als gut ist, notfalls mit Bauchschmerzen - auch.

Der Markt drückt zugleich, wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen, auf Ressourceneinsatz und Personaldecke. Immer mehr immer aktuellerer medialer Output, immer weniger Journalisten, das geht nicht selten auf Kosten der Verifizierung von Fakten - und auch der guten Vorbereitung. Die junge Kollegin, die bei einer Tagung ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank zur Öko-Steuer interviewte und hinterher Kollegen fragte, wer ihr Gesprächspartner jetzt eigentlich gewesen sei, habe ich selbst erlebt. Man kann ihr kaum Vorwürfe machen angesichts der Hektik, die vor allem in manchen privaten Radio- und Fernsehredaktionen herrscht.
Pro domo darf ich an dieser Stelle wohl sagen, dass wir bei der ZEIT gottlob noch ganz andere Arbeitsbedingungen haben, die auch langfristige, umfassende Recherchen ermöglichen - und auch mit ausreichend Platz, über den sich allerdings manche Leser angesichts ihres eigenen permanenten Zeitmangels schon mal beklagen - vielleicht auch Sie...?

Doch tendenziell ist das umgekehrt proportionale Verhältnis zwischen der Kompliziertheit von Themen und knappen Sendezeiten, zwischen dem Zwang zur schnellen Meldung und der Möglichkeit zu angemessenen Recherchen ein gewichtiges Hindernis für das Zustandekommen einer demokratischen öffentlichen Diskussion über Reformen, die es bei vielen Themen fast nur noch in Fachöffentlichkeiten gibt. Alternativen zu den hoch komplexen Sozialsystemen wie dem Gesundheits- oder Rentensystem, zu WTO-Abkommen oder, sagen wir, dem System der Vereinten Nationen, auch nur zu erklären, braucht Raum und Zeit; erst recht, darüber zu diskutieren. Und noch mehr, mit langem Atem die lange dauernden demokratischen Entscheidungsprozesse zwischen der Gesellschaft, den Parlamenten und der Regierung kritisch zu begleiten, von denen ich behaupte, dass viele Staatsbürger sie nicht mal kennen.

Die Kurzfristigkeit der Medien und die Kurzfristigkeit der Politik

Der Kurzfristigkeit der Medien, so die Geschwindigkeitsstufe Zwei, entspricht zugleich die zunehmende Kurzfristigkeit in der Politik.

Ein Bundestagsabgeordneter sagte kürzlich, nichts wünsche er sich mehr, als dass die alte Kritik, Politiker würden nur noch in Legislaturperioden denken, wenigstens zuträfe; tatsächlich dächten sie längst nur noch im Rhythmus von Umfragen und Politbarometern, ihr Horizont reiche also nur noch über Wochen.
Da werden dann politische Projekte ebenso schnell wieder fallengelassen wie aufgegriffen und hoppla durchgezogen - was sich in der Diskussion um "mangelndes Handwerk" der Regierung dokumentierte. Auch Politiker selbst werden hoppla hoch geschrieben und wieder fallen gelassen.

Bei dieser Beschleunigung schaukeln sich, dass ist Geschwindigkeitsstufe Drei, Politik und Medien permanent gegenseitig hoch.

"Aufmerksamkeit" und die Konkurrenz darum sind für beide Felder die zentralen Kategorien. Medien sind Container der Aufmerksamkeit geworden. Etwas muss auffallen. Politiker müssen Aufmerksamkeit erregen. Deshalb simulieren Parteipolitiker, aber auch Organisationen in der Gesellschaft manchmal unfruchtbare Kontroversen oder Konflikte - damit es auffällt; deshalb kreieren sie Events, sie stellen sozusagen die Gesetze der Medien nach. Denn auffällig ist nur, was aus dem Einerlei herausragt. Perfektioniert wird das in den Talkshows. Die liebsten Gäste sind diejenigen, die mit ihrer Meinung nicht unbedingt überzeugen, aber provozieren, eben, Aufmerksamkeit erregen, beispielsweise: keine Hüftoperationen mehr ab 80!- oder die einfach "prominent" sind. Dieser Talk - wenn er erfolgreich ist, ist es oft eher ein Gebrüll - er lässt sich ganz rasch konsumieren - und ebenso rasch vergessen.

Scheindemokratisches Dauerrauschen

Politische Öffentlichkeit wird da fast zu einem anachronistischen Begriff. Sie braucht Vorlauf, Begründungen, Analysen. Thesen müssen im Widerstreit reifen, um sie popularisieren zu können. Doch an die Stelle solcher Debatten tritt ein scheindemokratisches Dauerrauschen, das die Sinne dafür beeinträchtigt, was richtig und wichtig ist. Vor allem dafür, was kompliziert ist. Man einigt sich auf Lösungsschlagworte statt Lösungen.

Medien insistieren außerdem darauf, dass Politik schnell wirken muss, auf der Stelle - im drastischen Gegensatz zur Langfristigkeit von Systemreformen. Wenn beispielsweise argumentiert wird, die Folgen von "Hartz IV" würden sich möglicherweise erst in Jahren zeigen, dann heißt es gleich: die Politik versagt. Das hat zur Folge, dass Politiker - oft genug ratlos - wenigstens den Wunsch der Medien bedienen wollen, schnell etwas zu machen. Beispiel Wolfgang Clement: Jetzt, mit Hartz I, II, III, IV wird die Arbeitslosenzahl gesenkt, um eine Million in zwei Jahren... Mit ähnlich konkreten Ankündigungen ist die Steuerreform vorgezogen worden: Sie werde sich sofort auswirken... In der Öffentlichkeit baut das Erwartungen auf, die nicht einzulösen sind und immer nur zu neuen Enttäuschungen führen. Politik wird zur just-in-time-Politik: Heute früh bestellt, heute Mittag geliefert, abends vergessen.

Die Folge all dessen ist eine Art rasender, verschnatterter Stillstand. Was bleibt, ist ein unbehagliches, keineswegs ungefährliches Gefühl des Misstrauens gegenüber der Demokratie. Ja gegenüber der Politik überhaupt.

Natürlich darf man nicht pauschalieren. Natürlich gibt es Medien, die anders sind und es gibt langfristig planende und widerständige Politiker und auch gegenläufige Entwicklungen. Und es ist interessant, zu analysieren, auf welche Weise erfolgreiche politische Reformprojekte zustande kamen:

Das Erneuerbare Energie Gesetz beispielsweise, legitimiert durch öffentliche Zustimmungsraten und die Verankerung im Koalitionsvertrag, wurde von einer kleinen Gruppe geschickt und professionell agierender roter und grüner Parlamentarier durchaus gezielt zu einem Zeitpunkt durch die parlamentarischen Gremien gebracht, wo sie wussten: Die Öffentlichkeit ist jetzt mit ganz anderen Fragen beschäftigt, hier wird jetzt nichts von der Bild-Zeitung zerredet oder vom medienmarktbeherrschten Aufmerksamkeitszufall kaputtdiskutiert.

Christiane GrefeMerkwürdigerweise punktet also in der hektischen Mediendemokratie reformpolitisch gerade, wer sich ihren Gesetzen widersetzt. Und da Irritationen fruchtbar sind, schließe ich mit diesem Paradox.


www.zeit-und-entwicklung.de/de/ergebnisse/deutschland
24.09.2017, 15:09