Adolf Kloke-Lesch zu Zeit und Entwicklung


Zeit-Fragen

Adolf Kloke-Lesch

Ministerialdirigent im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Unterabteilungsleiter Friedensentwicklung und Krisenprävention, Außen- und Sicherheitspolitik


Es geht bei Zeit immer auch um Macht. Ein wichtiger Aspekt von Macht ist, selbst Zeitpläne setzen zu können. Andernfalls wird der Faktor Zeit von außen gesetzt. Das bedeutet dann: keine Arbeit nach der eigenen Uhr, sondern Orientierung von außen. Dabei besteht in besonderer Weise die Gefahr, dass Prioritäten durch die gesetzten Zeitfristen entstehen, ohne dass eine inhaltliche Vorrangigkeit besteht.

In der Internationalen Zusammenarbeit ist die Synchronisation der Zeitläufe besonders wichtig. Verschiedene Organisationen haben unterschiedliche Zeitrhythmen, unterschiedliche Institutionen haben unterschiedliche Geschwindigkeiten, mit denen sie Entscheidungen treffen und implementieren, diese bestimmen ihre Handlungsfähigkeit. Will Deutschland beispielsweise militärische Operationen zur Krisenpräventionen durchführen, so bedarf es dafür zunächst eines Beschlusses des Bundestages – das benötigt Zeit. Oder: Für die Durchführung von Wahlen in einem Krisengebiet muss erstens politische Stabilität erreichtsein, zweitens gibt es technische Voraussetzungen (z.B. Wählerlisten), die erst geschaffen werden müssen, drittens müssen aber auch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sinnvolle und sinngebende Wahlen erlauben. Diese Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein. Das heißt auch: unterschiedliche Akteure haben unterschiedliche Handlungsrestriktionen. Andere zeitliche Restriktionen stellen Zeitrhythmen und Grenzen natürlicher Art (z.B. Wetter/Klima, Aussaat/Ernte), biologischer Art (z.B. bei der Entwicklungsfähigkeit des Menschen durch. Bildungsprozesse) oder technischer Art (z.B. die notwendige Zeit für den Bau einer Straße) dar.
Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist nötig, dass die Partner ihre zeitlich unterschiedlich strukturierten Entscheidungsprozesse wechselseitig akzeptieren und wo möglich und vereinbar synchronisieren.

Diese Frage der Synchronisation kann auch unterschiedliche Zeit-Räume oder Zeit-Ebenen im selben Land betreffen. Es ist denkbar, dass Menschen in einem repetitiven ländlichen Lebenszyklus leben und arbeiten und keinen Kontakt zu der darüber liegenden Zeitebene haben, mit ihr nicht interagieren.

Dieses Auseinanderklaffen von Zeitebenen wird durch die Beschleunigung infolge der Globalisierung verschärft. Die unterschiedlichen inneren – sozialen und biologischen – Uhren der Menschen werden mit den schnelleren globalen Entscheidungsprozessen konfrontiert.

Es fehlt die Zeit für Sinnfragen. In der Entwicklungspolitik wie in anderen Arbeitsbereichen wirkt sich die Beschleunigung der alltäglichen Entscheidungsabläufe eher nachteilig aus. Zwar gibt es große Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung durch zeitliche Verdichtung von Organisationsabläufen, zur Vergleichzeitigung von Administrations- und Entscheidungsschritten. Auch können wir schneller auf Probleme in anderen Weltregionen reagieren. Aber es fehlt gleichzeitig immer mehr die freie Zeit für Sinnfragen, deren Beantwortung die Grundlage für den inneren Entscheidungskompass und damit zur langfristigen Orientierung der Politik bildet. Ohne solche Antworten richtet sich die Kompassnadel immer wieder zitternd nach den ständig neuen Zeitvorgaben aus.

Andererseits aber auch: Mehr Zeit führt nicht notwendig zu besseren Lösungen für Probleme in den Entwicklungsländern. Durch eine Verlangsamung oder Verzögerung der anstehenden Veränderungsprozesse werden vorhandene und gegebenenfalls unerwünschte Strukturen prägender, es entsteht unter Umständen ein impliziter Konservatismus. Offenbar benötigen „revolutionäre“ Veränderungsprozesse daher gelegentlich eine hohe Geschwindigkeit.

So gesehen handelt es sich um ein Dilemma historischer Dialektik: Veränderung braucht Zeit, aber wenn man sich Zeit lässt, verändert sich unter Umständen auch gar nichts.

Aus meinem Schlußwort des Entwicklungspolitischen Forums zu Entwicklungspolitik und Militär:

Die Bedeutung des Faktors Zeit, die Relevanz richtigen Timings wurden immer wieder betont. Maßstab sollte eigentlich die Zeit sein, die die Gesellschaften brauchen, denen wir helfen wollen. Dagegen steht die Zeit, die wir für unsere eigenen politischen Prozesse und für unsere operativen Aktionen brauchen, sowie die mangelnde Bereitschaft, sich unter Bedingungen von Unsicherheit zeitlich festzulegen. Während weitgehend klar ist, dass Peacebuilding mindestens eine Dekade erfordert, werden die Mandate für die Missionen in der Regel nur auf Jahresbasis erteilt. Bei den finanziellen Zusagen für Aufbau und Entwicklung sehen wir zwar häufig mehrjährige Verpflichtungen, doch bleibt auch hier viel Unsicherheit hinsichtlich der konkreten Umsetzung. Zu zwei kritischen Zeitpunkten wurden besondere Hinweise gegeben. Beim Einstieg am Beginn eines Peacebuildingprozesses geht es oft um "quick impact", deren insbes. unbeabsichtigten Wirkungen aber oft sehr langfristig sein können. Hier wird Bewußtsein geprägt, hier werden Partner ausgewählt und "empowered". Insofern ist besondere Umsicht gefordert, will man längerfristige negative Wirkungen vermeiden. Als zweiter besonders kritischer Zeitpunkt wurde die Mitte der Peacebuildingdekade bezeichnet. Hier kommt es darauf an, langen Atem zu beweisen und Sicherheit für lokale und internationale Investoren zu schaffen.


www.zeit-und-entwicklung.de/de/ergebnisse/zeitfragen/befragte/kloke-lesch
23.10.2018, 00:10